Bewusstwerden und Entwicklung von Kernqualitäten in Grundschulen

Eine Untersuchung in den Niederlanden

Qualität soll in Systemen gesichert und in Menschen verankert werden‘ – Daniel Ofman

Wie steht es mit dem Wohlbefinden Ihrer Kinder auf der Schule? Werden sie auch so müde von dem immer weiter reichenden Leistungsdruck? Hat Schulunterricht nicht die Aufgabe, den Kindern mehr zu bieten als gute Abschlussnoten? Was ist Ihnen wichtiger: die Persönlichkeit zu fördern oder die Leistungsfähigkeit zu steigern?

Unsere These ist, dass ein Kind, das sich sicher und fähig fühlt, mehr leistet als ein Kind, das allein den Druck fühlt, etwas leisten zu müssen. Im vergangenen Jahr haben wir Untersuchungen im Grundschulunterricht angestellt, um die herauszufinden, welche Auswirkungen es hat, wenn Kinder sich ihrer eigenen Kernqualitäten bewusst werden.

„Wir haben heute Tests geschrieben und ich habe bei niemandem abgeguckt.“

„Ich finde Rechnen toll und ich lerne dabei sehr viel.“

Aussagen von Kindern, die sich durch die Teilnahme an der Studie ihrer Kernqualitäten, in diesem Falle ihrer ‚Verlässlichkeit‘ und ihrer ‚Liebe zum Lernen‘ bewusst wurden.

Positive Psychologie

Heutzutage konzentriert sich der Unterricht sehr auf die Schwächen der Kinder. Als Folge dessen werden dann Handlungspläne zur Behebung der Schwächen erstellt. Van der Wolf (2007, 2011) ist der Ansicht, dass wir auf dem falschen Weg sind, wenn wir so sehr die Betonung auf das Problematisieren und Diagnostizieren legen.

Die Zeit scheint reif zu sein für ein Umdenken, das sich den Entwicklungen in der Psychologie anschließt. Seit 1999 stellt die Positive Psychologie ein bedeutendes neues Fachgebiet dar, mit großem Einfluss sowohl auf die Psychotherapie als auch die Sozialarbeit sowie auf betriebliche Unternehmensprozesse. (Peterson, 2006; Seligman, 2011).

Die Positive Psychologie ist ausgerichtet auf die Fähigkeiten von Personen und bildet damit einen Gegensatz zur traditionellen Psychologie, die sich vor allem mit Schwächen und Geisteskrankheiten beschäftigt. Im Rahmen der Positiven Psychologie wird vielmehr die Frage untersucht, wie psychologisches Wachstum zustande kommt. Und auf Basis dieser Untersuchungen wird plädiert für die Förderung der persönlichen Fähigkeiten von Menschen durch positive Aktivitäten (Park, Peterson & Seligman, 2004).

Die Betonung liegt demnach auf den persönlichen Fähigkeiten von Menschen, ihren Kernqualitäten. Bezugnehmend auf die empirischen Untersuchungen der Positiven Psychologie kann also angenommen werden, dass es heilsam ist, der Förderung von Kernqualitäten mehr Aufmerksamkeit zu schenken, insbesondere bei Kindern.

Studie zu Kernqualitäten

Für unsere Studie unter Grundschulkindern wurde folgende Fragestellung formuliert:

Welche Auswirkungen haben Maßnahmen, die darauf abzielen, Kindern im Grundschulunterricht ihre Kernqualitäten bewusst zu machen und die Entwicklung dieser zu stärken?

Mit der Studie sollte untersucht werden, welche Auswirkungen es hat, wenn Kinder im Grundschulunterricht dazu ermuntert werden, ihre eigenen Kernqualitäten zu nutzen. An der Studie nahmen 781 Kindern an 15 verschiedenen Schulen teil, außerdem wurden 33 Lehrer miteinbezogen. Ofman (2010) benennt Kernqualitäten als unsere ‚eigensten‘ Eigenschaften. Sie stellen das Potential an persönlichen Eigenschaften dar, über die wir verfügen können, auch wenn wir sie bis dato noch nicht verwendet haben. Kernqualitäten sind als Anlage vorhanden und können angezapft und entwickelt werden. Jeder Mensch verfügt über Kernqualitäten, die, soweit sie genährt und gefordert werden, einen Schutz gegen Probleme bilden und die einen gesunden psychischen Zustand entstehen lassen, fördern und aufrecht erhalten (Seligman, 2002; Peterson & Seligman, 2004). Kinder scheinen bereits nach relativ kurzen Maßnahmen durch Ihre Lehrer recht gut in der Lage zu sein, ihre Kernqualitäten zu erkennen und sie zu ihrem Verhalten in Beziehung zu setzen, wobei wir auch langfristigere Effekte erkennen konnten. Lehrer entdeckten, dass das Bewusstwerden von Kernqualitäten sinnvoll ist.

Einige aussagekräftige Beispiele des Bewusstwerdens und Gebrauchs von Kernqualitäten bei Kindern geht aus den folgenden Aussagen hervor:

  • Kernkompetenz ’soziale Intelligenz‘: „Ich habe mit Gerda über ihren schon vor geraumer Zeit verstorbenen Bruder gesprochen.“ „Ich hatte ein Gespräch mit einem behinderten Mädchen. Sie lief fast hopsend nach Hause. Das hat sich schön angefühlt.“
  • Kernkompetenz ‚Freundlichkeit‘: „Wenn ich anderen in der Sporthalle helfe, bekomme ich ein gutes Gefühl.“, „Ich habe geholfen, die Wäsche zu sortieren und das macht mich zufrieden.“
  • Kernkompetenz ‚Spiritualität‘: Denn ich vertraute darauf, dass Gott mir Kraft gegeben hat. Den ganzen Tag denke ich daran, dass jeder Mensch wertvoll ist und eine Bestimmung hat. ‘

Ergebnisse der Studie

Aus der Studie haben sich verschieden Resultate ergeben. Kinder werden sich ihrer Kernqualitäten bewusst und sind stolz darauf. Ein Lehrer berichtete: „Zwei Kinder entdeckten bei mir in der Klasse ihre Kernkompetenz ‚Liebe zum Lernen‘. Sie kamen am Ende des Tages spontan mit der Frage zu mir, ob sie einige Rechenaufgaben kopieren dürften, da sie am Morgen die Aufgaben noch nicht ganz begriffen hatten. Und dann könnten sie auf diese Weise noch zu Hause üben. Toll! Im vergangenen Jahr hat noch kein Kind nach so etwas gefragt!“

Drei Viertel der Kinder scheinen gut in der Lage zu sein, ihre Kernqualitäten in verschiedenen Kontexten erneut und selbstständig anzuwenden. Das bewusste Anwenden von Kernqualitäten wird von gut drei Viertel der Kinder als positive Aktivität erfahren, was auch in fast allen Fällen positive Emotionen hervorruft.

Ungefähr ein Drittel der Kinder gab an, es sinnvoll zu finden, sich ihrer Kernqualitäten bewusst geworden zu sein, wie aus folgendem Interview- Auszug hervorgeht: „Ich finde es gut und es ist vielleicht auch praktisch für später. Du lernst schon jetzt sehr viel davon und auch für später, wenn ich meine Kernkompetenz weiterentwickelt habe. Ich war mir dessen bewusst.“

Bei vielen Kindern (80%) gab es langfristige Effekte. Nach drei Monaten wussten die Kinder sich noch zu erinnern, welche Kernkompetenz sie während des Experiments angewandt hatten, während fast 60% der Kinder Beispiele geben konnten, wie sie ihre Kernkompetenz noch immer anwenden. Kinder entwickeln nicht nur eine positive Sicht auf sich selbst, sondern auch auf die anderen Kinder (positives pädagogisches Klima).

Zusammengefasst: Es wurde deutlich, dass es möglich ist, durch relativ kurze und einfache Aktivitäten Einfluss auf das persönliche Wachstum von Kindern auszuüben.

Die Studie wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 2012 als Teil eines US-amerikanischen Buches veröffentlicht.

Folgestudien

Für eine Folgestudie sind wir auf der Suche nach Schulen, die bewusst die Entwicklung von Qualitäten und Talenten von Kindern aufnehmen wollen. In unserer Untersuchung möchten wir genauer auf die Auswirkungen von Bewusstwerden und Anwenden von Kernqualitäten für das Wohlbefinden schauen. Außerdem untersuchen wir das sogenannte 3D-Lernen (Korthagen, 2011): Tiefer gehendes Lernen ist nachhaltig, und das wirkt sich wiederum auf das Verhalten aus. Tief gehend bedeutet hier, dass die ganze Person in den Lernprozess einbezogen ist. Das Lernen entwickelt sich dadurch von innen heraus (Korthagen & Lagerwerf, 2011). Und mit „nachhaltig“ sind nicht ausschließlich langfristige Ergebnisse für die Person selbst gemeint, sondern auch, dass diese Ergebnisse für die Umgebung dieser Person nützlich sind. Mit der „Auswirkung auf das Verhalten“ ist gemeint, dass ein Verhalten gezeigt wird, welches den jeweiligen Persönlichkeitslagen entspricht (Korthagen, 2011). Wir nennen diese Art von Verhalten auch authentisches Verhalten.

Aus früherer Untersuchung durch Park und Peterson (2009) ging hervor, dass der bewusste Gebrauch bestimmter Kernqualitäten einen positiven Einfluss auf die Lernleistungen von Kindern hat. Von Gruppe 5 an [In den Niederlanden sind die Kinder in dieser Klasse 9-10 Jahre alt] wird an dieser Studie aktiv teilgenommen. Die Gruppen 1-4 nehmen nicht aktiv an der Studie teil, können aber schon mit Kernqualitäten arbeiten. Experimente mit einfachen Aktivitäten, durch die auch diese jüngeren Kinder lernen, mit Ihren Kernqualitäten bewusst umzugehen, erscheinen vielversprechend.

Quellen

Peter Ruit ist Senior-Ausbildungsdozent, Wissenschaftler, Supervisor und Coach. Er hat Erfahrung mit der Durchführung wissenschaftlicher Studien, der Ausbildung von Schulausbildern und mit Team-Training. Daneben ist er Prüfer für die Stiftung Registratur Lehrerausbildung (NL).

Peter Ruit

Fred Korthagen ist emeritierter Professor für Pädagogik und Senior Trainer. Er hat mit vielen Schulen und anderen Bildungseinrichtungen im In- und Ausland an der Arbeit aus Qualitäten heraus gearbeitet, und hat mit seinem wissenschaftlichen Werk internationale Preise gewonnen.

Fred Korthagen

Publiziert in: Mensenkinderen Mei 2012

http://www.nji.nl/smartsite.dws?id=145649

http://www.driestar-onderwijsadvies.nl/l/library/download/120757

Anwendung an Ihrer Schule

Sind Sie interessiert und möchten an dieser Studie mitarbeiten? Wir bieten eine praktische Anwendungsschulung an, bestehend aus zwei Kurstagen mit zwischenzeitlichen Übungen für Ihre tägliche Arbeitspraxis. Haben Sie Fragen zur Studie oder zur Anwendung in der Praxis? Dann nehmen Sie bitte Kontakt auf über p.ruit@driestar-educatief.nl oder unter 0031 182-540373 und 0031 6-42698418.

Literatur

Korthagen, FA.]. (2011). 1k heb er veel van geleerd: Fen reflectie
over effectief opleiden en krachtgericht coachen. Afscheidsrede
Utrecht: Universiteit Utrecht.

Korthagen, F & Lagerwerf, B. (2011).
Leren van binnenuit: Kwaliteit en inspiratie in het onderwijs. Den Haag: Boorn Lernrna.

Ofman, D. (2010). Bezieling en kwaliteit in organisaties. Servire

Park, N. P & Petersen, C (2009). Character Strengths: Research and Practice. Journal of College & Character volume X, no 4.

Park, N. P (2004). Strengths of character and wel-being. Journal of Social and Clinical Psychology, 23, 603-619.

Peterson, C & Seligrnan, M.E.P (2004). Character strenghts and virtues: A handbook and classification. New York – Washington DC: Oxford University Press – American Psychological Association

Peterson, C (2006). A primer in positive psychology. New York: Oxford University Press.

Seligman, M.E.P (2011). Flourish. New York: Free Press.
Seligman, M.E.P (2002). Authentic Happiness: Using the new positive psychology to realize your potential for lasting fulfilment New York: The free press.

Wolf, K. van der (2011). Hoe zorgelijk is de kinderenzorg? Een kritische beschouwing. Othopedagogiek: onderzoek en praktijk, 129-136.

Wolf, K.van der (2007). Het wassende water van de kinderenzorg. MESO magazine, 5-9.